Yoga und das Erlangen von Zufriedenheit

Seit meinen ersten Erfahrungen mit Yoga fasziniert und begeistert mich das Zusammenspiel zwischen körperlichen Übungen und inneren oder geistigen Prozessen. Wie genau erklärt sich die spezifische Wirkung verschiedener Yoga-Asanas auf das individuelle Befinden? Wie lassen sich die Ideen von Alignment und Sequencing, welche die Iyengar Methode kennzeichnen, mit den altindischen philosophischen Konzepten von ethischem Verhalten, meditativer Versenkung und spiritueller Befreiung sinnvoll in Verbindung bringen, ohne sich in oberflächlichen New Age Spekulationen und Behauptungen zu verlieren? Und welchen Wert haben hathayogische Begriffe und Vorstellungen von Lebenskraft (prana), Energiezentren (cakra) und -kanälen (nadis), für uns heutige Praktizierende? Mein eigenes fortwährendes Üben sowie die theoretische Beschäftigung mit diesem Thema hat über die Jahre eigentlich wenige Antworten dazu geliefert, sondern im Gegenteil immer weitere Fragen aufgeworfen. Aber das ist fantastisch! Ich halte es für essenziell, sich selbst immer wieder neu zu fragen, was die persönliche Motivation für die eigene Yogapraxis darstellt, was Yoga für einen bedeutet und welche Erwartungen eigentlich den Antrieb bilden, der einen früh morgens oder spät am Abend noch auf die Matte bringt? Geht es vor allem um Gesundheit? Ist es einfach die Freude an der Bewegung? Oder ist da noch mehr? Ist es wirklich erstrebenswert, die Stirn bei gestreckten Beinen auf die Schienbeine legen zu können? Warum? Was genau passierBeiträget während der Umkehrhaltungen? Und ist Yoga eigentlich wirklich das Richtige für mich? Sollte ich vielleicht lieber Pilates üben? Oder Joggen? Malen???

Es ist unwahrscheinlich, dass der Grund oder der Antrieb für das Üben immer gleichbleibend ist. Das wäre auch eine Form der Stagnation. Das Potenzial einer gediegenen Yogapraxis erschließt sich einem letztendlich erst, wenn man bereits einige Erfahrungen gesammelt und ihre transformative Wirkung erlebt hat. So beginnt man mit Yoga vielleicht, um beweglicher und kräftiger zu werden, stellt dann aber fest, dass man sich nach dem Üben außerdem manchmal in unerwarteter Weise geerdeter und zufriedener fühlt; ruhig, ausgeruht, mehr im eigenen Körper verwurzelt und angekommen. An anderen Tagen wirkt die Praxis vielleicht auch in erster Linie stimulierend; Energie wird freigesetzt, man fühlt sich aktiv, wach und unternehmungslustig. Und wieder zu einer anderen Zeit kann es auch passieren, dass man sich nach dem Üben erschöpft, müde oder gereizt fühlt; unterdrückte Emotionen kommen an die Oberfläche, es entsteht Unruhe und Anspannung. Herauszufinden und ein intuitives Verständnis zu bekommen, welchen Effekt welche Asanas und Pranayamas, welche Art zu Üben - schnell und dynamisch oder langsam und meditativ - und welche spezifischen Variationen der klassischen Haltungen, zu welcher Zeit haben, kann dabei unglaublich wertvoll sein. Denn so wird es möglich, die eigene Übungspraxis in individueller, kreativer und sinnvoller Weise zu gestalten.

Das bewusste und gezielte Kultivieren von Zufriedenheit durch stimmige Übungsabfolgen mit einem harmonischen Rhythmus und einer klaren Ausrichtung der einzelnen Asanas stellt meiner Meinung nach einen besonders wichtigen Aspekt des Yoga dar. Zufriedenheit, auf Sanskrit santosha, stellt neben Reinheit (sauca), Entbehrung (tapas), dem Studium spiritueller Texte (svadhyaya) und der Hingabe an das Göttliche (isvarapranidhana) in Patanjalis Yogashastras eines der 5 Aspekte der “Persönlichen Ethik” (niyama) dar. Zufriedenheit wird dabei im Sinne von Genügsamkeit verstanden. So heißt es im Kommentar-Teil zu Vers II.32: “Was immer für Glückseligkeit es in der Freude dieser Welt geben mag, und was auch immer für größeres Glück es im himmlischen Reich geben mag, sie entsprechen nicht einem Sechzehntel der Glückseligkeit, die durch die Beendigung von Verlangen erreicht wird." Dieses Zitat ist vor dem Hintergrund zu verstehen, dass dieser stark buddhistisch inspirierte Text im Großen und Ganzen darauf zielt, den Geist von Abhängigkeitsverhältnissen und der Gier nach sinnlicher Befriedigung zu befreien, um zwanghaften Denk- und Verhaltensmustern entgegenzuwirken. Diese Idee macht - so weit ich es beurteilen kann - auch aus heutiger neurochemischer Perspektive durchaus Sinn. So erläutert etwa der kanadische Mediziner Gabor Matè, der sich in seinen Forschungen und Büchern auf die Bereiche Stress, Trauma, Sucht und kindliche Entwicklung spezialisiert hat, das Zusammenspiel zwischen der Ausschüttung bestimmter Nervenbotenstoffe und der Entwicklung von Sucht oder Zufriedenheit: Der Verzehr von süßen, fettigen und/oder salzigen Nahrungsmitteln, das Trinken von Alkohol oder der Konsum von anderen Drogen, aber auch Sex oder Sportarten, die einen besonderen Kick hervorrufen, führen zu Ausschüttung von Dopamin und Opiaten. Dabei handelt es sich um Neurotransmitter, die das Belohnungssystem aktivieren und so ein Glücksgefühl in Körper und Geist hervorrufen. Da sie plötzlich ausgeschüttet, aber auch schnell wieder abgebaut werden, ist dieses emotionale Hoch allerdings meist nur von kurzer Dauer. In der Folge entsteht oft schon nach kurzer Zeit das Bedürfnis, das Ereignis welches zur Ausschüttung dieser Botenstoffe geführt hat, zu wiederholen oder mehr davon zu bekommen. Ein verwandter Neurotransmitter etwas anderer Art ist Serotonin, das langsam abgegeben wird und über längere Zeit im Organismus zirkuliert. Die Ausschüttung von Serotonin wird im Unterschied zur Wirkung von Opiaten und Dopamin weniger mit mit Lust und Vergnügen assoziiert, sondern mit einem allgemeinen Gefühl des Wohlbehagens, der Zufriedenheit und der emotionalen Stabilität in Verbindung gebracht. Um geistig gesund zu bleiben, ist ein Gleichgewicht zwischen diesen Neurotransmittern daher essenziell. Lust, die aus einer stabilen Basis der Zufriedenheit erwächst, ist schön. Vergnügen ohne Zufriedenheit führt dagegen zur Sucht.

Mit Blick auf diese Zusammenhänge muss auch der Ausspruch “Yoga kann dein Leben ruinieren” verstanden werden. Dieses provokative Zitat stammt von dem bekannten amerikanischen Yogalehrer Richard Freeman und meint, dass die Yogapraxis und die Entwicklung von Gleichmut und Zufriedenheit, die damit einhergeht, den Blick auf das eigene Leben völlig verändern kann: Lifestyle-Gadges, Statussymbole und Genussmittel, über die man sich vielleicht sogar lange identifiziert hat, verlieren ihre Reiz. Man hört auf, oberflächliche Beziehungen, die keine tiefere Verbindung oder Bedeutung haben, zu pflegen. Man beginnt vielleicht bestimmte Gewohnheiten, Hobbies oder gar den Job infrage zu stellen. In dieser Weise kann Yoga das vertraute Leben im wahrsten Sinne des Wortes ganz schön auf den Kopf stellen oder eben “ruinieren”. Um zum Beginn dieses kurzen Essays zurückzukehren: Ich denke dass es möglich ist, die eigene Übungspraxis so zu gestalten, dass sie einen in verschiedenen Lebensphasen und auch je nach Tagesform unterstützt und stabilisiert. Wenn es dir gelingt Yoga zu nutzen, um dich zu entspannen und um dich in deinem Körper wohl und zuhause zu fühlen, kannst du Zufriedenheit, Zuversicht, Heiterkeit, Gelassenheit sowie ein Gefühl des Aufgehobenseins entwickeln. Dies ermöglicht es dir, den Blick zu weiten und auch negative Gefühle und unterdrückte Emotionen, die vielleicht durch bestimmte Übungen an die Oberfläche gespült werden, angstfrei und unvoreingenommen zu betrachten. Und schließlich können dich im besten Fall belebende und aktivierende Asanas und Pranayamas sogar darin unterstützen, den Mut und die Entschlusskraft zu entwickeln, die es braucht, um neurotische Verhaltensmuster und Denkweisen, die Ängsten, schlechten Gewohnheiten oder Abhängigkeiten entstammen, zu durchbrechen. Yoga kann auf diese Weise zur Entwicklung einer geistigen Freiheit beitragen, dies es dir erlaubt herauszufinden, was in deinem Leben wirklich von Bedeutung ist.