Die Anrufung an Patañjali

Iyengar Yoga Klassen beginnen zur Einstimmung auf die Übungspraxis traditioneller Weise mit dem gemeinsamen Chanten einer Anrufung an Patañjali. Auf dieser Seite findest du das Sanskrit-Original der Anrufung in der Devanāgarī-Schrift, eine entsprechende Transliteration plus Übersetzung und eine Hörprobe. Außerdem gibt es weiter unten einen kurzen Text von mir zur Erläuterung der Bedeutung des Chantens im Yoga Unterricht.

 

 

Hörprobe (Die Anrufung beginnt bei 0:46)

 

Übersetzung: Ich verneige mich mit gefalteten Händen vor Patañjali, dem höchsten Weisen, der die Unreinheiten des Geistes durch den Yoga, die Unreinheiten der Sprache durch die Grammatik und die Unreinheiten des Körpers durch die Medizin beseitigte. Ihn dessen Oberkörper menschliche Gestalt hat, der ein Muschelhorn und einen Diskus trägt, der weiß ist und tausend Köpfe besitzt, diesen Patañjali verehre ich.

Bedeutung: Der sagenumwobene Gelehrte Patañjali gilt als der Verfasser des Yoga Sūtras. Dieser Text ist wahrscheinlich zwischen 350 und 450 n. Chr. entstanden und gilt heute als eines der wichtigsten Werke der philosophischen Yoga-Tradition des alten Indiens. Das erklärte Ziel dieser Tradition ist es, den Weg zur Auflösung des existenziellen Leidens aufzuzeigen, welches das menschliche Dasein charakterisiert. Als Ursache des Leidens wird die fälschliche Identifikation von Geist (citta) und Selbst (draṣṭuḥ / puruṣa / ātman) angesehen. Während es sich beim menschlichen Geist um einen vergänglichen und vollständig konditionierten Teil des materiellen Körpers handelt, ist das wirkliche Selbst in Wahrheit ein reines, unvergängliches und vollkommen freies Gewahrsein. Selbsterkennstnis verstanden als ein Verweilen in diesem Zustand reinen Gewahrseins ermöglicht nicht nur die Loslösung von weltlichem Leiden, sondern erlaubt es uns auch, rechtschaffen und frei von egoistischen Motiven in der Welt zu leben und zu handeln.

Im Iyengar Yoga praktizieren wir Körperübungen (āsana) und Atemtechniken (prāṇāyāma), um Qualitäten wie Kraft, Beweglichkeit und Gesundheit zu entwickeln und unsere Fähigkeit zur bewussten Entspannung zu kultivieren. Darüber hinaus kann sich unsere Praxis mit zunehmender Erfahrung zu einer tiefgehenden Meditation in Bewegung entwickeln, die das Potenzial besitzt, den verkörperten Geist klar und ruhig werden zu lassen. In diesem Sinne stellen wir uns als Übende durch das gemeinsame Chanten der Anrufung an Patañjali sprachlich und konzeptuell in die klassische Yoga-Tradition Indiens. Außerdem können wir lernen, Demut und Ergebenheit zu entwickeln, um die Yogapraxis mit einem Gefühl der inneren Weihung und Hingabe zu beginnen.